Ich bin José Carlos Cabral Semedo – alle sagen Calou. Psychodynamischer Organisationsentwickler, Keynote Speaker, Moderator und Impulsgeber aus Berlin. Und ich bin überzeugt: Jede Lebensgeschichte trägt eine absolute Fähigkeit.
Ein Ghetto am Rande von Lissabon, illegal gebaut. Armut, Gewalt, Überlebensinstinkt. Meine Mutter lässt mich dort zurück.
Eine Nachbarin findet mich weinend und rennt mit mir ins Krankenhaus. Diese Frau ist neun Jahre lang meine Mutter.
Sechs Kinder in einem Doppelbett. Kein fließendes Wasser. Wenn es regnete, lief es herein – natürlich auf meiner Seite. Aber ich war aufgenommen. Ich hatte zu essen. Und wenn es dunkel wurde, waren Menschen um mich.
Was ich dort gelernt habe: den Menschen von den Umständen zu trennen. Und in den Gassen: Menschen zu lesen. Wie sind sie drauf? Was denken sie? Was lässt sie gewalttätig werden?
Mit elf komme ich ins SOS-Kinderdorf in Luxemburg. Eine komplett neue Welt. Plötzlich gibt es Strukturen, Regeln, Pädagogik – Menschen, deren Aufgabe es ist, aufzufangen, was vorher passiert ist.
Ich erlebe, dass Sicherheit nicht einfach da ist. Sie wird hergestellt. Durch Beziehungen. Durch Verlässlichkeit. Durch Menschen, die bleiben, auch wenn es schwierig wird.
Dort lerne ich, was pädagogische Strukturen leisten können: Traumatisierung auffangen, Sicherheit herstellen und Menschen wieder handlungsfähig machen.
Und ich konnte dort sehr genau beobachten, wie so ein Umfeld gestaltet wird. Wie Strukturen aufgebaut werden, die Sicherheit geben. Wie Beziehungen tragen. Wie Menschen aufgefangen und langsam wieder stabilisiert werden.
Bis ich zwölf war, konnte ich nicht lesen und schreiben. Fast das ganze Viertel nicht – also konnte es auch niemand nachprüfen.
Mit 18 saß neben mir ein Junge, der Siddhartha hieß. Wie der Roman von Hermann Hesse. Er war cool. Ich wollte auch cool sein. Also habe ich mir das Buch besorgt.
Ab da wusste ich: Innere Transformation ist möglich. Es folgten der Jakobsweg, andere Länder, andere Kulturen – und eine Frage, die mich bis heute begleitet: Warum leben Menschen in Kreisen zusammen?
Berlin. Nach einem Burnout, mitten in der Scheidung, sitze ich in meinem zweiten Masterstudium. Der Dozent spricht über psychodynamische Organisationsentwicklung: Menschen aufnehmen. Das Latente zutage bringen. Es produktiv in die Struktur holen.
Und ich denke: Das habe ich in Portugal gelernt.
Ich hatte das Studium verstanden, bevor es richtig losgegangen war. Heute weiß ich: Eine Expertise entsteht nicht durch das Studium. Das Studium gibt ihr nur einen Namen.
In Berlin arbeite ich mit Teams aus Schulen, aus der Jugendhilfe, aus sozialen Einrichtungen, aus Behörden und Verwaltung. Teams, die durch Belastung, Konflikte und Ausnahmezustände an ihre psychischen Grenzen gekommen sind.
In der Praxis entsteht Belastung als Erlebnis – täglich, körperlich, persönlich. In der Verwaltung entsteht sie als Verfahren – abstrakt, verschoben, entpersonalisiert. Ich stehe dazwischen und übersetze. Damit beide Seiten wieder gemeinsam denken und handeln können.
Aus dieser Arbeit ist meine Methode P.R.O. entstanden – Persönlichkeit, Rolle, Organisation. Entwickelt an der IPU Berlin, erprobt in Schulen, Jugendhilfe und Verwaltung.
Diesen Satz hat mir eine Tante gesagt, als ich ihr von meinen Reisen erzählte. Sie hat mir in die Augen geschaut und gesehen, was in mir vorging.
Für mich war das das letzte Puzzlestück: Ich muss meine Geschichte nicht loswerden. Ich darf dankbar für sie sein.
Ich löse nicht für dich. Ich bewerte dich nicht. Ich halte, was du gerade nicht allein halten kannst – bis es denkbar wird.
Ich beziehe klar Position und setze Grenzen, ohne zu demütigen. Ich durchschaue Fassaden, ohne bloßzustellen. Und ich bleibe da, auch wenn es schwierig wird.
Damit kein Kind allein in einer Hütte zurückgelassen werden muss. Und damit kein Mensch, kein Team und keine Organisation vergisst, was in ihnen steckt.